Mein erster Liebestod.

Am vergangenen Sonntag war es für mich soweit. Das erste Mal „Tristan und Isolde“. Das erste Mal „Liebestod“. Ich dachte mir: Persönliche Premieren dieses Mal nicht gleich in Bayreuth! Deshalb ab nach Nürnberg ans dortige Staatstheater.

„Tristan und Isolde“. Das wohl größte Liebesdrama in der Geschichte der Oper. Und gleichzeitig eines der musikalisch revolutionärsten Werke für die Mitte des 19. Jahrhunderts.

Richard Wagner unterhielt zum Entstehungszeitraum der Oper eine über sechs Jahre anhaltende tief plantonische Beziehung zu der verheirateten Mathilde Wesendonck. Sie war seine Muse.
Mathilde war die zweite Ehefrau des Kaufmannes und Kunstmäzens Otto Wesendonck. Dieser gewährte Wagner während dessen anfänglich immerwährenden Flucht „Asyl“ auf seinem Wohnanwesen nahe Zürich. Außerdem unterstützte er ihn finanziell großzügig und ermöglichte Wagner dadurch das Arbeiten an der eigenen Musik.
Diese „Dreiecksbeziehung“ inspirierte Wagner schließlich zu „Tristan und Isolde“.

In der Vielzahl der Briefwechsel mit Mathilde berichtet Wagner auch über seine aktuelle Arbeit an „Tristan und Isolde“ und er ahnte bereits, welche Bedeutung und Magie dieses Werk auf die Zuhörer entfalten würde.

(ohne Datum ; vermutlich zwischen 11. und 14. April 1859)
Kind! Dieser „Tristan“ wird etwas Furchtbares! Dieser letzte Akt!!! Ich fürchte, die Oper wird verboten – falls durch schlechte Aufführung das Ganze nicht parodiert wird -: nur mittelmäßige Aufführungen können mich retten! Vollständig gute müssen die Leute verrückt machen, – ich kann mir’s nicht anders denken. So weit hat’s noch mit mir kommen müssen!! O weh!
Ich war eben in vollsten Zügen! Adieu R. W.

Aber aus seinen eigenen Worten lässt sich auch das offenkundig sehr große Selbstbewusstsein und Ego Wagner’s herauslesen; man könnte es auch Überheblichkeit nennen!

Luzern. 05. Juni 1859
Kind! Kind! Liebstes Kind! Das ist eine furchtbare Geschichte! Der Meister hat’s einmal wieder gut gemacht! Soeben spielte ich mir die nun ausgearbeitete fertige erste Hälfte meines Aktes vor und musste mir sagen, was sich einst der liebe Gott sagte, als er fand, dass alles gut war! Ich habe keinen Menschen, mich zu loben, grade wie’s dem lieben Gott damals – vor zirka 6000 Jahren – ging; und so sagte ich mir denn unter andrem: Richard, du bist ein T-kerl! […]

Bereits beim Vorspiel, welches bereits nach Sekunden eine einzigartige Sogwirkung auf mich ausübte, werden Emotionen geweckt. Diese Zerrissenheit zwischen Liebe und Tod. Zwischen Sehnsucht und Gemeinsamkeit. Zwischen Vergänglichkeit und Unendlichkeit. All diese tiefsten und innersten Gefühle drücken diese Minuten aus und greifen dem gesamten Rest der Oper beinahe schon vor. Bereits zu Anfang steht der berühmte „Tristan-Akkord“ (F-H-Dis-Gis).

tristan-akkord
Sogn. „Tristan-Akkord“

Besonders lobend erwähnen möchte ich anfangs die Einführung in Stück und Inszenierung im Gluck-Saal des Staatstheaters. Ich habe selten eine so kurzweilige, prägnante und auch Nicht-Dramaturgen verständliche Einführung gehört.

Die gesamte, stimmlich sehr anspruchsvolle Aufführung wurde von Vincent Wolfsteiner (Tristan) und Claudia Iten (Isolde) ohne großen Ermüdungserscheinungen gemeistert. Auch die Aussprache war klar und deutlich, so dass die Übertitel nur in Teilen nötig waren.

Schlussapplaus im Staatstheater Nürnberg am 22.02.2015.
Schlussapplaus im Staatstheater Nürnberg am 22.02.2015.

Roswitha Christina Müller gab eine sehr eindrucksvolle Brangäne ab. Anfänglich stach sie sogar neben Iten hervor. Auch Ensemble-Mitglied Jochen Kupfer beeindruckte sowohl schauspielerisch als auch stimmlich als Kurwenal.

Insgesamt war die Besetzung in der Lage durchaus auch mit großen Häusern und Namen mitzuhalten. Diese Bühnenleistung setzte sich auch im Graben fort.

GMD Bosch leitet mit Bravour die Nürnberger Staatsphilharmoniker. Übrigens ein weiterer wunderbarer Klangkörper in Bayern, der nicht vernachlässigt werden sollte.
Stichwort: Konzertsaal-Debatte.

Die moderne Inszenierung von Monique Wagemakers überzeugte mich ebenfalls. Mit mobilen, eliptischen Deckenelementen und einem vertikalen bzw. horizontalen Leuchtbalken im Hintergrund wurden einzelne Szenen abstrakt differenziert. Ich bin der Meinung, dass bei „Tristan und Isolde“ weniger mehr ist. Zuviel Inszenierung lenkt in diesem Fall nur ab. Die Inszenierung ist die Musik und die spannungs- und emotionsgeladene  Interaktion zwischen den beiden Hauptprotagonisten.

Zusammenfassend würde ich diese Produktion am Staatstheater Nürnberg uneingeschränkt weiterempfehlen.

Als nächster „Tristan“ steht die Produktion der Bayerischen Staatsoper bei den Festspielen 2015 auf dem Plan. Es werden zwei besondere Aufführungen werden. Denn Waltraud Meier – DIE Isolde unserer Zeit – steht das letzte Mal in dieser Rolle auf der Bühne. Dann wird im Sommer die Neusinszenierung von Katharina Wagner unter musikalischen Leitung von Christian Thielemann bei den Bayreuther Festspielen folgen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s