Die Subjektivität der Musik. Gedanken zu Interpretation und Kritik.

Mir wird ab und an die Frage gestellt, warum ich mir Opern mehrmals anhöre bzw. ansehe. Der Frage bin ich bewusst noch nie nachgegangen, da die Antwort für mich unterbewusst auf der Hand lag. Und jedem Konzert- oder Opernbesucher wird sich diese Frage auch nicht aufdrängen. Denn jeder war mit Sicherheit schon unzählige Male in Werken von Verdi, Wagner, Strauss und vielen anderen ohne die Sinnhaftigkeit in Frage zu stellen. Und dies wahrscheinlich nicht nur in der Oper in Heimatnähe, sondern bundesweit oder immer da wo sich Gelegenheit dazu ergibt.

Letztlich brachten wenige Zeilen die, zumindest für mich, treffende Antwort auf die obige „Gretchenfrage“:IMG_6573

Nun kann man die Fragestellung, ob Musik überhaupt un-interpretiert zu existieren vermöge, gewiß beiseite schieben, indem man sie „spekulativ“ nennt. Doch un-interpretiert existiert Musik eigentlich nur, solange sie ungelesen, ungehört, ungesehen in verschlossenen Notenbänden west wie in papierenen Särgen. In dem Augenblick, da jemand – und sei es auch nur ein Professor mit absolutem Gehör, dem das stille Notenlesen genügt und der nie die Mühe auf sich nähme, ein leibhaftiges Konzert zu besuchen oder einer Schallplatte zu lauschen – sich die Musik lesend vorstellt, sie also vor seinem „inneren Ohr“ zum Klingen bringt (so wie der alte, taube Beethoven glücklich in den von ihm herzlich geliebten Händel-Kompositionen las, die man ihm verschafft hatte), in dem Augenblick geschieht doch bereits unvermeidlich Interpretation! Denn: der lesende Professor oder das vor seinem inneren Ohr vergegenwärtigende Genie Beethoven – sie kommen nicht umhin, sich die Abfolge der Noten in einem gewissen Tempo vorzustellen, in bestimmter dynamischer Stärke, in der ihnen richtig erscheinenden Phrasierung. Das aber ist bereits Interpretation: mögen die metronomischen Angaben, die Vortragsbezeichnungen noch so exakt sein. In dem Augenblick, da Noten, sei’s für einen lesenden Interessenten, sei’s für ein lauschendes Konzertpublikum, erklingen, sind sie bereits interpretiert…

Aus diesem Sachverhalt wird hier eine weitere Konsequenz gezogen. So wie Musik uninterpretiert schwerlich gedacht werden kann, so besagt „Interpretation“, oft gerade wenn sie extrem oder anfechtbar ist, durchaus etwas Erhellendes über das Werk!

(aus: Kaiser, Joachim: Erlebte Musik – Eine persönliche Musikgeschichte vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Erster Band. Erweiterte und überarbeitete Auflage 1994. Kapitel „Vorwort“.)

Kaiser beschreibt die „Subjektivität“ der Musikinterpretation. Diese Interpretation beginnt mit der Auslegung der Partitur durch den Dirigenten und deren gestalterische Umsetzung zusammen mit dem Orchester. Verschiedene Tempi und differenzierte Schwerpunkte bei der Dynamik der Instrumentengruppen sind nur zwei Beispiele.

Die Interpretation setzt sich bei Oper natürlich auf der Bühne fort. Die Sängerinnen und Sänger verkörpern in der Regel bestimmte Charaktere. Deren schauspielerische aber auch sängerische Rollengestaltung ist teilweise abhängig von der Inszenierung und den Vorstellungen des jeweiligen Regisseurs. Aber in der Hauptsache spielt natürlich auch die Stimme selbst eine Rolle für die subjektiven Empfindungen des Zuhörers. Manchmal ergeben sich Grenzbereiche beim Stimmfach oder es missfällt einem persönlich das Timbre.

So ist Oper oder auch klassisches Konzert im Orchestergraben und auf der Bühne aber auch darüber hinaus im Zuschauerraum beim „Empfänger“ zutiefst subjektiv in seiner Entstehung bzw. im Ergebnis bei seiner Wirkung. Und das ist auch gut so. Sonst wäre es vermutlich auch irgendwann sehr langweilig.

Dank dieser Subjektivität beim Empfänger konnte sich sogar ein Berufszweig entwickeln. Der Musikkritiker. Jedes Feuilleton einer größeren Zeitung leistet sich einen. Heute in der Zeit von freien Redakteuren und Bezahlung nach Wörtern und Zeilen vermutlich sogar weniger als noch vor ein paar Jahrzehnten. Oder nur noch im Nebenamt. Ich will diesen Umstand nicht weiter bewerten.

Wobei ich die ungeprüfte Übernahme eines über Twitter verbreiteten Gerüchtes  des musiksatirischen Onlineportals „Musik – mit allem und viel scharf“  hinsichtlich der Wahl Andris Nelsons zum neuen Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker am vergangenen Montag mittlerweile bei bestimmten Medien für symptomatisch halte. Schnelligkeit ist in Zeiten der Onlineberichterstattung anscheinend größtenteils oberste Maxime. Dies schadet jedoch der Qualität. Und rüttelt auch ein wenig an der journalistischen Grundfeste der Wahrheitspflicht.

Zurück zum Musikkritiker. Auch hier finden sich bei Joachim Kaiser ein paar Zeilen, welche zwar bereits vor mehr als 20 Jahren von ihm niedergelegt wurden, aber immer noch substanziellen Gehalt haben:

[…] muss ja jeder Arzt, jeder Richter und Justizangestellte nachgewiesen haben, dass er sein Handwerk versteht, bevor man ihn auf die Menschheit loslässt. Warum soll es ein Musikkritiker leichter haben, dessen Rezensionen ja unter Umständen Schicksale verändern, enormen ökonomischen und auch psychischen Schaden in Künstlerseelen anrichten können?

Nun ist es natürlich für einen Kritiker (und eine Zeitung) angenehm, wenn der Rezensent sich Doktor oder gar Professor nennen kann. Er hat dann ja bewiesen, dass er zumindest einiges gelernt zu haben scheint – und er kann bei wütenden Beschwerdebriefen seine Antwortbriefe mit respektgebietenden Titeln unterzeichnen. Doch im übrigen beweisen Hochschulprüfung, Doktorhut und Professorenwürde überhaupt nicht, dass derjenige, der zu alledem kam, zum Kritiker tauge. […] Denn der Musikkritiker muss ja nicht nur von der Sache etwas verstehen, sondern er muss ein Schriftsteller sein. Er muss kritisches Temperament besitzen, er muss Gespür haben für wahre und falsche Töne, er muss mit dem Vergangenen vertraut und am Gegenwärtigen interessiert sein. So etwas kann keine Hochschule „prüfen“! […]

Was soll man von einer solchen Branche halten? Natürlich gibt es kluge und dumme Kritiker, sensible und hauptsächlich an der politisch-gesellschaftlichen Dimension von Musik interessierte Rezensenten, gibt es alte Herren, denen das „Neue“ nicht recht gefällt, und junge Publizisten, die von dem „Alten“ zu wenig verstehen. […] In dem Augenblick, da ein neues Phänomen, eine neue „Richtung“, ein neuer Interpretationstyp erscheint, entsteht – natürlich – Streit in der Öffentlichkeit, Kontroverse, Krach. Aber nach verhältnismäßig kurzer Zeit, meist genügen wenige Jahre, ist man sich erstaunlich einig! Es gibt dann kaum mehr Rangfragen.

IMG_6573Wie aber verhält es sich nun mit der „Subjektivität“? Meine Antwort: Beim Betrachten der Kunst ist die Subjektivität nicht nur kein Störfaktor, sondern sie gehört entscheidend dazu. Ich kann eine Interpretationsleistung nicht naturwissenschaftlich unwiderlegbar messen; ich habe auch kein Gesetzbuch, welches mir mitteilt, was in Kunst richtig und falsch, erlaubt und verboten ist. Sondern ich muss, fühlend, denkend, nachspürend, die mögliche Existenz von Gesetzen, welche jederzeit gebrochen werden können, aus den Interpretationen, ihrer Wahrheit oder Unwahrheit heraushören.   

(aus: Kaiser, Joachim: Erlebte Musik – Eine persönliche Musikgeschichte vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Erster Band. Erweiterte und überarbeitete Auflage 1994. Kapitel „Privates und Allgemeines – Probleme mit der Musikkritik“.)

Mit dem letzten Absatz aus Kaiser’s Ausführungen zur Musikkritik schließt sich der Kreis zur Subjektivität der Musik. Deshalb wird es auch weiterhin möglich sein, bei jedem Opern- und Konzertbesuch Neues zu entdecken und sich kritisch im Nachgang alleine oder gemeinsam mit Anderen über das Erlebte auseinanderzusetzen.

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