Schwierige Dreiecksbeziehungen – „Tristan und Isolde“ bei den Bayreuther Festspiele

Schlussapplaus für Orchester
Schlussapplaus für Orchester „Tristan und Isolde“

Bereits zu Anfang kann ich für mich feststellen, dass die musikalische Gestaltung und Interpretation durch den neuen Musikdirektor Christian Thielemann ohne Frage und wie so oft eine meisterhafte Leistung war. Was da aus dem Graben kam war teilweise überraschend neu. Natürlich auch, weil das Bayreuther Festspielorchester aus Spitzenmusikern der deutschen Klangkörper besteht und sie wissen wie mit den besonderen Bedingungen im gedeckelten Graben umzugehen ist. Die Buhs für den musikalischen Leiter beim Schlussapplaus waren für mich weder verständlich noch angebracht. Aber anscheinend gibt es immer noch Personen, die das Politische mit dem Künstlerischen vermischen und nur für das Buh sechs Stunden am und im Festspielhaus verbringen.

Gespannt durfte man vor allem auf Katharina Wagners Regiekonzept sein. Dieses überzeugte mich leider persönlich aus mehreren Aspekten heraus nicht.

Der erste Aspekt, der auch für die Regisseurin ein zentraler Punkt war, ist der Liebestrank. Dieser wird in dieser Produktion nicht getrunken, sondern von Tristan und Isolde gemeinschaftlich über ihre Hände gegossen. Nach Aussagen von Katharina Wagner ist dieser nicht notwendig, da beide bereits vorher von ihrer Bestimmung füreinander wissen.

Kürzlich schrieb das Theater Dortmund zur dortigen Neuproduktion von „Tristan und Isolde“ im ihrem Blog:

Der Dirigent Carlos Kleiber hat einmal gesagt, die Musik vor dem Einnehmen des Tranks sei schon so erotisch aufgeladen, dass die beiden auch Wasser trinken könnten und sich trotzdem verlieben würden.

Aus musikalischer Sicht ist das mit Sicherheit richtig. Um jedoch den erzählerischen Strang für meine Begriffe am Schluss logisch aufzulösen (Markes Reise nach Kareol zur Versöhnung, etc.), bedingt es trotz allem des Trinkens des vermeintlichen Todestrankes. Sei dies auch nur Wasser!

Zweitens wird die Person des König Marke durch Katharina Wagner umgedeutet. Zumindest im dritten Aufzug. Denn dort erscheint Marke nicht als gutmütiger und väterlicher Freund, der den Liebenden nun doch nach Brangänes Offenbarung seinen Segen geben und Tristan verzeihen will:

Brangäne
Des Trankes Geheimnis entdeckt’ ich dem König:
mit sorgender Eil’ stach er in See,
dich zu erreichen, dir zu entsagen,
dir zuzuführen den Freund.

Marke
Warum, Isolde, warum mir das?
Da hell mir enthüllt,
was zuvor ich nicht fassen konnt’,
wie selig, dass den Freund
ich frei von Schuld da fand!
Dem holden Mann dich zu vermählen,
mit vollen Segeln flog ich dir nach.
Doch Unglückes Ungestüm,
wie erreicht es, wer Frieden bringt?
Die Ernte mehrt’ ich dem Tod,
der Wahn häufte die Not.

Er wird als egoistischer, hartherziger Machthaber dargestellt, der Isolde (nach dem „Liebestod“) noch vom Totenbett Tristans mehr oder weniger gewaltsam mit sich nimmt. Marke’s Wesenszüge werden bereits im zweiten Aufzug angelegt. Er gibt sich dort in mancherlei Hinsicht ähnlich einem kriminellen Clan-Oberhaupt, der Tristan fesseln, die Augen verbinden lässt und unter Vorhalt eines Springmessers mit ihm „spielt“. Das mag im zweiten Aufzug aufgrund der aufgedeckten Liebesnacht noch funktionieren. Im Dritten tut es das für mich nicht mehr, sondern es deutet Marke im Kern um und nimmt auch das durchaus hoffnungsvolle Ende des Stücks.

Das Bühnenbild des ersten und dritten Aufzuges war, unabhängig vom Regiekonzept, handwerklich von den Bühnenbildern Frank Philipp Schlößmann und Matthias Lippert sehr gut gemacht!

Der erste Aufzug bestand aus einer verwirrend-unendlichen Treppenkonstruktion angelehnt an die paradoxen Perspektiven von M. C. Escher oder den Zeichnungen von Giovanni Battista Piranesi. Diese erstreckte sich über die gesamte sichtbare Bühnenhöhe und veränderte durch Schwenk-, Heb- und Senkbewegungen ihre verwirrenden, labyrinthartigen Wege.

Applaus 1. Aufzug
Applaus 1. Aufzug „Tristan und Isolde“

Die Bühne war im dritten Aufzug grundsätzlich vollkommen dunkel bis auf einen Stuhlhalbkreis am rechten vorderen Bühnenrand, welcher durch eine niedrig hängende Deckenlampe ausgeleuchtet war. Während den im Fieberwahn stattfindenden Monologen von Tristan tauchen immer wieder an verschiedenen Stellen der Bühne ausgeleuchtete Pyramiden auf. Darin Traumbilder der Isolde. Blutend, ohne Kopf, aus der Höhe ins Dunkle stürzend, usw. – bühnenbildnerisch beeindruckend und auch fesselnd. Der „Liebestod“ dafür umso steriler. Tristan kauert bereits tot auf einer Art Luxus-Krankenhausbett und wird von Isolde hin- und hergezogen. Am Schluss muss sich Isolde dem Willen Markes beugen und wird durch eine Tür in den schwarz, zu einem Dreieck zusammenlaufenden Bühnenwänden aus der Szenerie gebracht.

In allen Bühnenbildern allgegenwärtig: Die Dreiecke. Für mich immer symbolhaft für Tristan-Isolde-Marke.

Die sängerischen Leistungen, insbesondere von Stephen Gould (Tristan) und Georg Zeppenfeld (König Marke), waren außerordentlich. Das Ensemble wurde auf Augenhöhe mit Christa Mayer als ausdrucksstarke Brangäne und Iain Paterson als treuen Kurwenal ergänzt.

Schlussapplaus
Schlussapplaus „Tristan und Isolde“

Bei Evelyn Herlitzius (Isolde) teilen sich die Meinungen. Ohne Frage hat Herlitzius eine scheinbar unkaputtbare Stimme. Nach einen durchaus anstrengenden Saison anschließend noch die Festspielzeit in Bayreuth mit einer schweren Partie und als „Einspringerin“ zu meistern, gebührt jedwedem Respekt. Dennoch war mir ihre Stimme keine „Isolde“. Zu dramatisch. In den hohen Tönen zu scharf und hysterisch. Darunter litt im übrigen auch die Textverständlichkeit massiv. Dies mag ihm ersten Aufzug noch funktionieren, aber im weiteren Verlauf bedarf es mehr lyrischer Ausdrucksweise. Diese konnte Herlitzius leider nicht bieten. Teilweise kam es mir so vor als hätte sich hier ihre „Elektra“ verlaufen! Es hat mich nicht berührt. Vielleicht mache ich es ihr in unfairer Weise nach den Abschiedsvorstellungen von Waltraud Meier auch zu schwer.

Eigentlich sollte die Neuproduktion von „Tristan und Isolde“ das Highlight meines Besuchs der diesjährigen Bayreuther Festspiele sein. Aber irgendwie sprang der Funke nicht über. Es war mir zu dunkel, zu emotionslos, zu hoffnungslos. Ich lasse mich überraschen, ob die Nacharbeiten und die Neubesetzung der Isolde mit Petra Lang im nächsten Jahr mich mit einem anderen Gefühl aus der Vorstellung kommen lassen.

(Eindrücke basieren auf Besuch des Tristan VI am 23.08.2015) 

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