DDR oder Nordkorea? – „Tristan und Isolde“ am Theater Dortmund

IMG_0202Vorspiel. Tristan (Lance Ryan) sitzt bereits in Unterlagen versunken in einer Amtsstube an einem kargen Schreibtisch. Im Rücken ein Porträt von König Marke. Ein Raum im Stile einer totalitären Diktatur der mittleren Achtzigerjahre. Grau-braune Farben dominieren (Bühne: Mathis Neidhardt). Ein Gefangener wird hereingeführt. Tristan lässt ihn ein Dokument unterschreiben. Anschließend eine Augenbinde und nach Durchschreiten von Tristan und seiner Helfeshelfer bricht ein Schuss. Exekution vollzogen.

Die Szenen während des Vorspiels spiegelten in meinen Augen die Vorgeschichte zu Tristan und Isolde wieder. Tristan a. k. a. Tantris tötet den Verlobten von Isolde – Morold. Gleichzeitig zeigt es, dass Tristan williger Vollstrecker im System König Markes ist.

Erster Aufzug. Isolde (Rebecca Teem) und Brangäne (Martina Dike) betreten in ihren bunten, schlichten Kleidern (Kostüme: Sibylle Gädeke) und Übermänteln als farblicher und systemischer Gegenpol einen Abfertigungsraum an der Grenze. Mit Koffern bereit zum Grenzübertritt. Doch sie werden durch das Grenzpersonal in Person von Kurwenal (Sangmin Lee) und des jungen Seemanns (Fritz Steinbacher) gezwungen zu warten. Im weiteren Verlauf kommt es zu entsprechenden Annäherungen und zu sexuellen Übergriffen auf Brangäne. Sie wird vergewaltigt. Zuvor hatte sie Tristan die Botschaft ihrer Herrin Isolde überbracht. Das totalitäre System zeigt auch so gegenüber den entführten Frauen seine hässliche Fratze.

Isolde und Brangäne dürfen schließlich passieren und finden sich im nächsten Bild offensichtlich an der Passkontrolle wieder. Sie reihen sich ans Ende einer Menschenschlange ein, welche ordentlich durch Gitterabsperrung separiert geführt wird.

Theater Dortmund - Wandelgang im Oberrang
Theater Dortmund – Wandelgang im Oberrang

Schließlich kommt es zum Aufeinandertreffen von Tristan und Isolde und zur „Liebestrank“-Szene. Diese findet in einer Art kleinem Verhörzimmer in der Bühnenmitte statt. Zwei Stühle, ein Tisch und ein Bild von König Marke an der Wand. Links und rechts befindet sich jeweils eine Türe. An diesen lauschen Brangäne und Kurwenal den Vorgängen im Inneren. Leider gelingt die Szene am Theater Dortmund aus meiner Sicht nicht. Die sonst doch sehr intensive Szene, die zumindest in der Sicht von außen den Wendepunkt in Wagner’s Erzählung der Sage darstellt, verkommt hier etwas zu einer slapstickartigen Passage. Dies mag zum einen an der schauspielerisch sehr hölzernen Art von Lance Ryan liegen, aber auch an der Anlage der Szene. Isolde räkelt sich auf dem Tisch. Tristan versucht sich seiner Uniform zu entledigen und hantiert mit seiner Pistole an der Schläfe. In diesem Fall gilt Kurt Tucholsky: „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.

Dafür konnte das Schlussbild des ersten Aufzuges die vorhergehende Szene wieder aufwiegen. Beide Liebestrunkenen haben König Marke die Gunst zu erweisen. Dafür werden sie in eine Empfangshalle geführt, die dem Interieur der kommunistischen Diktaturen in nichts nachstünde. Holzverkleidung wohin man blickte. Große Fensterfronten. Die Seitenwände gesäumt von stramm stehenden Soldaten. Erich Honecker oder Erich Mielke hätten ihre wahre Freude daran gehabt. Mit dem Eintreten des uniformierten und mit Orden behangenen Marke endet der erste Aufzug.

Theater Dortmund - Innenraum
Theater Dortmund – Innenraum

Zweiter Aufzug. Im Programmheft ist vom Regisseur Jens-Daniel Herzog zu lesen: So loyal er bisher war, wird er jetzt radikal zum Verräter an König Marke und seiner Welt. Für ihn gibt es keine Alternative zum Leben im System. […] Wenn sich einer der höchstrangigen Vertreter eines politischen System von ihm abwendet, muss dieses System reagieren.“ 

Das System reagiert auch, als Tristan und Isolde bei ihrem heimlichen Treffen entdeckt werden. Im Büro von König Marke wird Tristan blutüberströmt auf einem Stuhl sitzend durch Melot immer wieder ins Gesicht geschlagen und gefoltert. Isolde wird von einem Schergen Melots festgehalten und muss hilflos zusehen. König Marke gebietet Melot Einhalt, um seine Gefühle und seine Enttäuschung gegenüber Tristan zum Ausdruck zu bringen. Das Bühnenlicht wird dabei abgedunkelt. Im hellen Zentrum stehen nur noch Marke und Tristan. Nach dem Dialog kommt es zu einer Handgreiflichkeit und Melot schießt Tristan von hinten in den Rücken.

Dritter Aufzug. Auch Kurwenal wurde gefoltert. Er ist offensichtlich dadurch erblindet. Das Gesicht blutverschmiert. Aus den Augenhöhlen läuft Blut. Tristan siecht mit seiner Schusswunde ebenfalls dahin. Es folgten die schwächsten 40 Minuten der Inszenierung. Die überwiegend  leere Drehbühne ist ständig in Aktion und zeigt nochmals mehrere Bilder der Inszenierung. Beide kriechen, stolpern und robben durch die Kulisse. Leider gelingt Ryan und Lee hier keine überzeugende, schauspielerische Darstellung. Als alle Protagonisten auf Kareol eingetroffen sind, richtet Melot Kurwenal mit einem Genickschuss im hinteren Bühnenbereich hin. Das Ende lässt sich ebenfalls gut mit den Gedanken des Regisseurs umschreiben: „Oder es [Anm. Verf.: das politische System] wartet auf seinen Tod und macht ihn, wenn er nicht mehr real gefährlich werden kann, zum Helden. So verfährt Marke mit Tristan. Er lässt ihn sterben und gemeindet ihn dann wieder ins System ein. […] Isolde stirbt ihren Liebestod beim Staatsakt für Tristan.“

Theater Dortmund - Schlussapplaus "Tristan und Isolde"
Theater Dortmund – Schlussapplaus „Tristan und Isolde“

Abschließend bleibt festzustellen, dass es mutig war „Tristan und Isolde“ in dieser Weise und mit diesem Blickwinkel auf die Bühne zu bringen. Meinen Geschmack traf es leider nicht. Das Publikum schien anderer Meinung zu sein wie ich und bedachte alle Beteiligten mit stürmischen Applaus. Die musikalische Gestaltung war, bis auf einen sehr krassen Fehleinsatz im Vorspiel, durchweg mit dem notwendigen Spannungsbogen versehen sowie an entscheidenden Stellen zurückgenommen und sängerunterstützend. Insgesamt in Anbetracht der Schwierigkeit von Wagners Komposition eine sehr solide Leistung der Beteiligten am Stadttheater Dortmund. Anzumerken sei, dass nach der ersten Pause ein gewisser Schwund im Publikum festzustellen war. Schade. Gerade die Stadttheater bedürfen einer viel größeren Unterstützung durch das lokale Publikum.

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