Gast-Kritik: Die neuen „Meistersinger“ der Bayreuther Festspiele fingen bereits falsch an.

Ungedruckte Kritik zu „Die Meistersinger von Nürnberg“, Bayreuther Festspiele 2017

von Dieter Borchmeyer

Die  neuen „Meistersinger“ in Bayreuth fingen bereits falsch an. Ist es schon fragwürdig genug, ein musikalisch so hochdifferenziertes Gebilde wie das Vorspiel der „Meistersinger“ zur Begleitmusik einer Pantomime zu machen – die das Publikum zwingt, seine Aufmerksamkeit zwischen Hören und Sehen zu teilen -, so wurde es gänzlich unmöglich, Musik und Pantomime gleichzeitig zu folgen, da der leuchtende, festlich-prächtige Stil des Vorspiels und das verschattete Ritual des Lebens in Wahnfried absolut nicht zueinander paßten. Und was soll es auch? Die Meistersinger von Nürnberg DavidWenn der Regisseur die „Meistersinger“ aus Wagners Leben hervorgehen lassen möchte, so hätte er die Münchner oder Tribschener Zeit wählen müssen und nicht Wahnfried, wo Wagner ganz in einer Gegenwelt zu den „Meistersingern“ lebte, im Bann von „Götterdämmerung“ und „Parsifal“ stand. Warum das nur? Ganz einfach: weil Barrie Kosky Herheims „Parsifal“ kennt, wo auf ingeniöse Weise Wahnfried- und Parsifal-Welt sich palimpsesthaft überlagern. (Ähnliches hatte schon Wernicke in seinem „Ring“ in Brüssel unternommen.) Wie unsinnig aber, die „Meistersinger“-Figuren sich aus der Wahnfried-Welt entwickeln zu lassen: Sachs aus Wagner, Pogner aus Liszt, Evchen aus Cosima, Beckmesser aus Levi. Da stimmt doch nichts! Kann man sich einen größeren Gegensatz vorstellen als Evchen und Cosima, Pogner und Liszt, ja auch Wagner und Sachs, der nicht selbst das „Kunstwerk der Zukunft“ vertritt, sondern es Walther überträgt? Wagner sah sich aber weißgott nicht als ,Vorläufer’, war alles andere als eine Johannes-Figur. Und welcher törichter Einfall, beim Choral die Wahnfried- als gläubige Gemeinde – inklusive Wagner – das Kreuz schlagen zu lassen (unter Protestanten!) und Levi ins Abseits zu drängen, weil er als Jude das nicht fertigbringt! Natürlich kann ein solches Konzept – ein schlechtes Plagiat von Herheim – über den ersten Aufzug nicht hinausgeführt werden. Stattdessen wird – auch peinlich auf den Spuren Herheims – die „Meistersinger“-Handlung auf die deutsche Geschichte projiziert und in den Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse verlegt. Nur bleibt das ein völlig blindes Motiv, die Erwartungen – warum dieser Schauplatz? – werden in keinem Moment erfüllt. Bei Herheim hatte diese Projektion auf die Zukunft – so sehr sie manchem mißfallen mochte – doch ihren Sinn. Bei Kosky  ist sie nur ein uneingelöstes Versprechen.

Die Meistersinger von Nürnberg BeckmesserUnd dann muß Levi in die Rolle Beckmessers schlüpfen und diesen als Judenkarikatur spielen (was freilich gar nicht konsequent geschieht). Wie Wagner Beckmesser hingegen verstanden wissen wollte, ist mehr als  klar, von ihm immer wieder artikuliert worden: als Verkörperung der Schattenseite des typisch Deutschen: seiner Neigung zur Pedanterie. Ist Sachs, so Wagner 1851, „die letzte Erscheinung des künstlerisch-produktiven Volksgeistes“, Walther der ,Künstler der Zukunft’, so Beckmesser der Repräsentant der ästhetischen „Spießbürgerschaft“ und des „durchaus drolligen, tabulatur-poetischen Pedantismus“ („Eine Mitteilung an meine Freunde“). Später, am 16. März 1873, hat Wagner in Bezug auf die Trias von „Volksdichter“ (Sachs), „enthusiastischem“ Dilettanten (Walther) und „ehrwürdiger Pedanterei“ zu Cosima gesagt, hier, in dieser Trias, offenbare sich „der Deutsche in seinem wahren Wesen, in seinem besten Licht“. Zudem ist Beckmesser durch seinen latinisierten Vornamen Sixtus als Humanist und Akademiker, eben „Hochgelahrter“, einziger Nichthandwerker unter den ,Meistern’ gekennzeichnet. Jedenfalls bekleidet er als Stadtschreiber eines der angesehensten Ämter in der Stadt und ist als Merker der höchste Sachwalter der Kunst der Meistersinger, also alles andere als ein Außenseiter. Er spielt die Rolle des gelehrten und gerade deshalb an der Nase herumgeführten alternden Pedanten: des ,Dottore’ in der Tradition der Commedia dell’arte, auf welche die „Meistersinger“ so deutlich zurückweisen. Kurz und gut: mit einem Juden hat Beckmesser nicht das Geringste gemein. Nun gibt es freilich spitzfindige Interpreten, die sagen, Beckmesser sei von Wagner zwar nicht offen, aber ,codiert’ als Jude dargestellt. Aber warum sollte Wagner mit der Gestalt Beckmessers derart verdeckt einem Antisemitismus frönen, den er fast gleichzeitig mit der Uraufführung der „Meistersinger“, nämlich in der Broschüre des „Judentums in der Musik“  ganz unverdeckt zum Ausdruck gebracht hat? Als Cosima 1870 erfährt, in Wien habe man Beckmessers Gesang als Persiflage jüdischer Sakralmusik verdächtigt, stellt sie das Nietzsche gegenüber (16. März) als Absurdität hin. Und wenn man sich darauf beruft, so natürlich auch Kosky, Wagner habe in seinem zweiten Prosaentwurf Beckmesser den Namen Hans Lich gegeben, so war das eine vorübergehende Idee (die sich auf den Typus des Kritikers bezog), die mit der Konzeption der Figur des Merkers – die seit dem ersten Prosaentwurf von 1845, als Wagner mit Hanslick noch in bestem Einvernehmen stand, in allen Einzelheiten schon vorgezeichnet ist – im Grunde gar nichts zu tun hat. Obwohl das alles schon längst akribisch dargestellt ist – von mir selber bereits 2002 in meinem Wagner-Buch „Richard Wagner. Ahasvers Wandlungen“ (S. 255-275) -, und knapp-überzeugend auch von dem Musikologen Hermann Danuser (in dem Bayreuther Sammelband „Richard Wagner und die Juden“, 2000), wird das Klischee von Beckmesser als Judenkarikatur immer weiter verbreitet, und dieses Klischee bedient nun auch Kosky bis hin zur puren Gechmacklosigkeit am Ende des zweiten Aufzuges mit den ebenfalls leicht plagiatorisch an Katharina Wagners „Meistersinger“-Inszenierung gemahnenden Schwellköpfen. Trotzdem fällt die Darstellung Beckmessers hinter die Versuche der letzten Jahrzehnte, ihm ein facattenreicheres Profil zu geben, die tragisch-grotesken Züge der Figur, auch ihre Unheimlichkeit hervorzuheben, weitgehend zurück. Beckmesser bleibt eine konventionelle komische Klischeegestalt, die man längst für überwunden hielt. Und gerade das ,Ideologiekritische’, das der Regisseur mit dieser Gestalt verbinden wollte, kommt gar nicht zum Zuge, da er eben doch ein genuiner Operettenregisseur ist, der nicht darauf verzichten möchte, mit Slapstick-Komik und schönen Renaissancekostümen beim Publikum gut anzukommen. So wirkt die ganze ideologiekritische Tendenz der Inszenierung nur aufgesetzt.

An den Interviews des Regisseurs merkte man dessen Ahnungslosigkeit gegenüber dem Text,  seiner Vielschichtigkeit und Abgründigkeit, ganz zu schweigen von der Musik – wenn er gar die Meinung vertrat, Wagner hätte den Text doch lieber von einem erfahrenen Dichter schreiben lassen sollen u.ä.. Leider haben sich die Sänger vielfach zu sehr auf die Spielastik von Kosky eingelassen, zumal der an sich so treffliche Johannes Martin Kränzle, aber auch der stimmgewaltige Michael Volle, dem aber die Altersweisheit und humoristische  Weltüberlegenheit Sachsens  noch sehr fehlt. So ausdrucksmäßig flach und sonderbar zerstückelt, ohne Linie, habe ich den Fliedermonolog selten gehört. Und Sachsens Dialog mit Evchen bleibt ganz ohne seinen unvergleichlichen Zauber, den Anne Schwanewilms mit ihrer recht angegriffenen Stimme auch kaum entfalten kann.Meistersinger 2017 Sachs Stolzing Klaus Florian Vogt ist ja sicher ein hervorragender Charaktertenor, aber zum Stolzing fehlen ihm der ritterlich-tenorale Glanz und der lyrische Schmelz, der den David von Daniel Behle auszeichnete. Manchmal dachte ich mir: könnten die beiden doch ihre Rollen tauschen! Schlimm, ja verunglückt das Quintett. Nicht nur daß die Stimmen nicht harmonierten, man schwitzte Blut und Wasser, daß das Ganze auseinanderbrechen könnte. Für mich enttäuschend auch das Dirigat: allzu harmlos-geschwind, ohne großen Atem, ohne Klangzauber (vielleicht vom Vorspiel zum dritten Aufzug abgesehen), ja ohne zusammenhaltende Kraft und Spannung. An die großen „Meistersinger“-Dirigate der letzten Jahrzehnte von Karl Böhm bis Christian Thielemann darf man da nicht zurückdenken.

Fotos: Enrico Nawrath / Bayreuther Festspiele

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Literaturhinweis:

978-3-87134-070-3Dieter Borchmeyer zeichnet ein facettenreiches und eindrückliches Bild des deutschen Nationalcharakters. In einer Zeit der Umbrüche, in der Deutschland wieder einmal seine Rolle sucht, ist diese große Geschichte der deutschen Selbstsuche Spiegelbild und Wegweiser zugleich.

Erschienen beim Rowohlt Verlag.

Mehr Informationen und Leseprobe: www.rowohlt.de/hardcover/dieter-borchmeyer-was-ist-deutsch.html

 


borchmeyer_dieter

Prof. Dr. Dr. h. c. Dieter Borchmeyer, geboren 1941 in Essen, war bis 2006 Professor für Neuere deutsche Literatur und Theaterwissenschaft an der Universität Heidelberg. Von 2004 bis 2013 war er Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und Stiftungsratsvorsitzender der Ernst von Siemens Musikstiftung. Dieter Borchmeyer ist Autor zahlreicher Bücher und ein ausgewiesener Experte für die Weimarer Klassik, Richard Wagner, Friedrich Nietzsche und Thomas Mann. www.borchmeyer.de

 

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