Ungedruckter Leserbrief zum SZ-Artikel von Julia Spinola über „Diskurs“ bei den Bayreuther Festspielen, von Dieter Borchmeyer

Ungedruckter Leserbrief zum Artikel von Julia Spinola: Symposium „Wagner im Nationalsozialismus – Zur Frage des Sündenfalls in der Kunst“, Süddeutsche Zeitung vom 4. August 2017 (Druckfassung)
von Dieter Borchmeyer  

Die Süddeutsche Zeitung berichtet im Feuilleton vom 4. August über das Bayreuther Symposium „Wagner im Nationalsozialismus – Zur Frage des Sündenfalls in der Kunst“. Im Vorspann des Artikels von Julia Spinola liest man mit Erstaunen: „Erstmals diskutieren die Bayreuther Festspiele, welche Rolle Richard Wagner im Nationalsozialismus gespielt hat. Das ist bemerkenswert, schließlich ist das Festival diesem heiklen und für sie durchaus unrühmlichen Thema bisher aus dem Weg gegangen.“ Und im Artikel selber heißt es: „Mit ihm (diesem Symposion) realisieren die Festspiele zum ersten Mal das lang angekündigte Vorhaben eines künstlerisch-wissenschaftlichen Begleitprogramms, das sich mit der ambivalenten Wirkungsgeschichte Wagners auseinandersetzen soll.“

Es geht nicht zu weit, wenn man diese Sätze als veritable Geschichtsfälschung bezeichnet. Jeder Wagner- und Festspielkenner weiß, daß es ein solches „künstlerisch-wissenschaftliches Begleitprogramm“ in Bayreuth längst gegeben hat, vor allem anläßlich der jeweiligen neuen „Ring“-Inszenierung. Ich verweise auf die in Verbindung mit der Festspielleitung veranstalteten Symposien im Arvena-Hotel in den neunziger Jahren, an denen neben Künstlern der Festspiele prominente Wagner-Forscher, Kulturwissenschaftler und Historiker teilgenommen haben. Sie wurden in stattlichen Sammelbänden (herausgegeben von Udo Bermbach, Dieter Borchmeyer oder Susanne Vill) publiziert, welche zu den wichtigsten Beiträgen der neueren Wagner-Forschung gehören. Darin wurde nicht nur das Werk, sondern auch die Wirkungsgeschichte Wagners mit ihren Licht- und Schattenseiten umfassend reflektiert. SpektakulärerHöhepunkt dieses „künstlerisch-wissenschaftlichen Begleitprogramms“ 51mGRsfQGeL._SX328_BO1,204,203,200_der Festspiele war das Symposion „Richard Wagner und die Juden“ im Juli 1998, das ein besonderes Herzensanliegen von Wolfgang Wagner war. Es entstand auf Anregung der Universität Tel Aviv und ihres Präsidenten Yoram Dinstein. Sieben israelische Wissenschaftler – darunter der Komponist Ami Maayani, Autor der ersten hebräischen Wagner-Biographie – nahmen daran teil und besuchten die Festspiele. Sie kamen zum Teil zum ersten Mal nach Deutschland, und der Besuch ausgerechnet Bayreuths war für sie kein leichter Schritt. Zu den Rednern gehörten ferner fünf jüdische Gelehrte aus den USA und eine Reihe renommierter deutscher Wissenschaftler. Das Symposion stand unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Roman Herzog, der israelische Botschafter Avi Primor und der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland Ignatz Bubis hielten neben Wolfgang Wagner und dem bayerischen Kultusminister Hans Zehetmaier die Eröffnungsansprachen. In den Vorträgen – etwa von Saul Friedländer über „Bayreuth und der Erlösungsantisemitismus“ und Hans Rudolf Vaget über „Wieviel ,Hitler’ ist in Wagner?“, einer ersten Ausarbeitung des Themas, das nun zum Gegenstand seines umfassenden Buches geworden ist, weiteren Vorträgen von Dina Porat und Paul Lawrence Rose über Wagner und Hitler – und in den Diskussionen, die in dem einschlägigen Sammelband ebenfalls referiert sind, wurden das Thema des Wagnerschen Antisemitismus und seiner verhängnisvollen Folgen, aber auch die positiven Wechselbeziehungen zwischen Wagner und den Juden breit erörtert. Im Geleitwort Wolfgang Wagners zum Symposion „Ansichten des Mythos“ anläßlich der „Ring“-Inszenierung 1994 (Kirchner/Rosalie) heißt es: „Mein Bruder und ich haben von Anfang an Wert darauf gelegt, daß in Bayreuth Kunst und Wissenschaft eine Symbiose eingehen. Das Gespräch mit Gelehrten war uns immer sehr wichtig, und es spiegelt sich in den vielen Jahrgängen der Bayreuther Programmhefte wider, in denen einige der bedeutendsten Philosophen und Geisteswissenschaftler unserer Zeit ihre Gedanken über das Werk Wagners dargestellt haben – nicht selten mit beachtlicher Wirkung auf die Regiekonzeption der Festspiele.“

Daß in diesem Jahr  „zum ersten Mal“ ein wissenschaftlich-künstlerisches Begleitprogramm zu den Festspielen entwickelt worden ist und daß diese „erstmals“ die Rolle Wagners im Nationalsozialismus reflektiert haben, entspricht schlechterdings nicht den Tatsachen. Doch wie sagte Adorno so schön: „Dem Ignoranten ist alles neu.“

Online unter: http://www.sueddeutsche.de/kultur/symposium-kein-festspielfeigenblatt-1.3614983 (24.08.2017)


borchmeyer_dieter

Prof. Dr. Dr. h. c. Dieter Borchmeyer, geboren 1941 in Essen, war bis 2006 Professor für Neuere deutsche Literatur und Theaterwissenschaft an der Universität Heidelberg. Von 2004 bis 2013 war er Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und Stiftungsratsvorsitzender der Ernst von Siemens Musikstiftung. Dieter Borchmeyer ist Autor zahlreicher Bücher und ein ausgewiesener Experte für die Weimarer Klassik, Richard Wagner, Friedrich Nietzsche und Thomas Mann. www.borchmeyer.de

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