Vorabend in Karlsruhe: 16 Stunden Bühnenfestspiel im Zeitraffer.

Bereits beim Betreten des in die Jahre gekommenen Bau aus der Mitte der 70er-Jahre präsentiert das Badische Staatstheater in Karlsruhe einige Schätze aus dem Archiv. Zum Auftakt der ersten zyklischen Aufführungen des „Rings der Vielfalt“ werden den Zuschauern historische Paritiuren von Walküre, Siegfried und Götterdämmerung in Schaukästen präsentiert. Hofkapellmeister Felix Mottl assistierte als 20-Jähriger im Jahr 1876 bei den Proben zu den ersten Festspielen in Bayreuth und dokumentierte dabei mündliche Anweisungen Richard Wagners zu Szene und Musik als Eintragungen in der Partitur. Diese wurde später auch u.a. von Joseph Keilberth genutzt und mit weiteren Eintragungen versehen.

Zunächst zum Konzept des Regisseurs David Hermann:

Indem ich auf die Parallelen eingehe, die es zwischen Rheingold und Ring gibt. Wenn Wotan Alberich den Ring entreißt, tut er das mit der gleichen Vehemenz, mit der in der Götterdämmerung sein Enkel Siegfried Brünnhilde den Ring entreißt. Wenn Fafner im Rheingold seinen Bruder Fasolt erschlägt, um den Ring zu behalten, wiederholt sich die Szene in der Götterdämmerung zwischen Hagen und seinem Halbbruder Gunther. […] Außerdem steckt Rheingold voller Vorahnungen. Träumt Wotan zu Beginn der 2. Szene wirklich nur von Walhall? Beschränkt sich das, was er spürt, nur auf das, was er ausspricht oder ist im Unterbewusstsein nicht schon mehr vorhanden? […] Das sind kurze, zugespitzte [parallel zur eigentlichen Handlung verlaufende] Episoden, die – ausgehend von der Leitmotivtechnik – etwas Zitathaftes […] haben.

Regisseur David Hermann zur
im Programmheft „Das Rheingold“ (Nr. 332, Spielzeit 2015/2016)

Hermann hatte sich also intensiv an der Partitur orientiert und versucht die Leitmotitvik ausgehend vom Rheingold inhaltlich mit dem Blick auf den gesamten Ring zu verarbeiten. Entscheidungen, die am Vorabend getroffen werden, wirken ohne Zweifel konkret auf den Inhalt der drei folgenden, tragischen Abende aus; so Hermanns konzeptionelle Grundidee. Parallelen, die musikalisch und inhaltlich – wie sich bei dieser Inszenierung tatsächlich im Sinne des Wortes auch zeigen wird – durchaus logisch sind.

Wir trafen so im Verlauf des Rheingolds auf parallele Erzählungen aus der Walküre, aus Siegfried und auch im Ende auch aus Götterdämmerung. Nur das 1. Bild war vollends auf die eigentliche Handlung des Vorabends konzentriert.

Befreit von der Last einen Vorabend und drei Tage inszenieren zu müssen, hat Hermann dieses Prinzip konsequent und stimmig umgesetzt. Und wie intelligent dieser Ansatz ist, zeigt tatsächlich die Unterschwelligkeit der Ankündigungen, der Ahnungen und der Zwangsläufigkeiten des Rings, die sich bereits im Rheingold inhaltlich aber auch muskalisch andeuten.

Die Rheintöchter.

Das erste Bild kommt noch ohne dieses konzeptionelle Stilmittel aus. Die drei „goldigen“ Rheintöchter und Alberich tummeln sich auf den glitschigen Steinen des Rheins. Diese heben und senken sich im Verlauf der Handlung. Von der Konstruktion läuft ringsherum Wasser in den offenen Bühnenboden. Ansonsten ist die Bühne leer. Nur im Hintergrund befindet sich ein schwarze Wand aus erkalteter, schwarzer Lava – zumindest rief es diese Assoziation hervor. Der Anfang ist das Ende ist der Anfang. Wir kommen auf die Lava später zurück.

Meeting bei Wotan.

Zu Beginn des zweiten Bilds sehen wir Wotan auf der Matratze am Boden seines Büros schlafen. Entweder, weil sein Heim Walhall noch nicht fertig ist oder, weil Fricka ihn im Streit darüber nicht im ehelichen Bett schliefen ließ. Das Büro ist Teil von modernen Wohn-/Geschäftsräumen der Götterfirma. Die Wände aus geschaltem Waschbeton, Küchenzeile mit Kaffeevollautomat, Besprechungstisch, Kopierer, raumhohe Grünpflanzen und ein Empfangsbereich mit zwei Stühlen und Beistelltisch. Ganz fertig scheint das Ganze noch nicht zu sein, denn eine Deckenstütze steht noch; möglicherweise aber auch Pfusch am Bau durch mangelhafte Ausführung (weil noch nicht von Fafner und Fasolt gebaut?!). Hier spielt sich nun Götterstreit und das Feilschen mit den Riesen um den Vertrag ab. Alles im Anzug und die Damen im knappen Kostümchen. Alles businesslike in Szene gesetzt. Nur Loge sieht mit seinem Mantel und den langen Haaren aus wie ein Underdog im Frankfurter Bankenviertel.

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Nun hinab nach Nibelheim. Nibelheim ist eine Goldmine. Deren Eingang ist mit Zaun, Türe mit Zahlencodeschloss und Stacheldraht gesichert. Vor dem Zaun befindet sich ein großer Stromgenerator. Dort treffen Wotan auf Mime und Alberich. Nach der Überlistung Alberichs wird dieser mit Hilfe eines Seilknäuels gefesselt und wir befinden uns im Folgebild wieder in den Büroräumen Wotans. Diese sind jedoch nun völlig unmöbliert; möglicherweise war der Umzug nach Walhall bereits organisiert.

Es brodelt unter Walhall.

Walhall wird am Ende auf gefährlichem Boden gebaut. Die Götter steigen aus ihren leeren Büroräumen ein Stockwerk nach oben. Nach Walhall. Doch unterhalb brennt – bereits als durch Videoprojektion als parallele Handlung zu Brünnhilds „Starke Scheite schichtet mir dort“ angelegt –  die Erde. Lava brodelt. Ein Vulkan, der ausbrechen und die Welt mit Feuer überzieht, bevor sie neu aus den Fluten des Rheins wieder erstehen wird.

Mit dem Schlussbild kommen wir wieder am Anfang an. Die Rheintöchter auf ihren Steinen im Rhein. Im Hintergrund die Wand aus erkalteter, schwarzer Lava. Ein ewiger Ring. Der Anfang ist das Ende ist der Anfang.

Es waren insgesamt die vielen kleinen Einfälle, die in ihrer Detailliert- und Verspieltheit – aber auch in der  dadurch zum Ausdruck gebrachten Befassung mit dem Stück – aus meiner Sicht die Inszenierung so groß machen:

T-Shirt von Donner.
T-Shirt von Donner.
  • Die als herrische und bestimmende, manchmal als ängstliche aber auch listige (manche mögen sagen als manipulative) Ehefrau dargestellte Fricka schüttet Wotan Unmengen an Zucker in seine am Besprechungstisch stehende Kaffeetasse. Im Streit um die Baupläne und die Verpfändung Freias dreht sich Fricka um. Was sie nicht merkt ist, wie Wotan nunmehr – selbst gerissen – seine Tasse mit der Frickas tauscht.
  • Donner trug ein Thor-T-Shirt von Marvel Comics. (was übrigens auf den Pressefotos noch nicht der Fall ist, im Trailer dann schon!).
  • Bei Wotans Ruf nach Halbgott Loge schlugen kleine Flammen aus dem Zimmerofen.
  • Vor dem Abstieg nach Nibelheim gönnt sich Wotan – er ist schon sichtlich geschwächt, ob des Entzugs von Freias goldenen Äpfeln –  zur Stärkung einen Apfel, den er im Bürotresor versteckt hat. Erst dann ist er in der Verfassung Loge nachzueilen.
  • Freia ist in Fasolt tatsächlich verliebt und begleitet ihn bereits von Anfang an freiwillig. Die Angst ist gegenüber Freia und Wotan offensichtlich nur gespielt. Was bedeutet dies für den Ring?
  • Als sich Alberich mit der Tarnkappe zum Wurm verwandelt, wird Technik eingesetzt. Die Stimme wird verstärkt über Lautsprecher in den Saal gegeben. Alberich erscheint szenisch nicht als Wurm. Gleichzeitig wird jedoch parallel im Hintergrund am Eingang von Alberichs Goldmine in Nibelheim im Hier und Jetzt die Drachentötung durch den stummen Siegfried in Szene gesetzt. Der Wurm erscheint szenisch also doch.
  • Alberich wird von Wotan und Loge gefesselt mit dem Seilknäuel (Nornen!).
  • Freia wird mit Goldglitter aus einem großen Kelch überschüttet. Dieser tauchte aus der unteren Bodenmaschinerie auf (Parsifal¹). Das Podest fährt wieder in den Untergrund. Alsbald taucht Freia wie Shirley Eaton als vergoldetes Bond-Girl in Goldfinger aus der Unterbühne wieder auf („So stellt das Mass nach Freias Gestalt!“).
  • Loge setzt den Scheiterhaufen mit dem stummen und toten Siegfried in Brand.
  • Loge trägt die beiden schwarzen Raben am Ende nach Walhall und setzt sie dort ab.
NUR VIER HARFEN!!!
NUR VIER HARFEN!!!

Musikalisch war die Blechbläser-Abteilung – so schien es zumindest – an den prominenten Stellen leider noch nicht ganz im Abend angekommen. Viele Soloeinsätze, die nahezu ohne weitere Begleitung prominent dastehen, wurden unsicher gespielt. Die Intonation wacklig. Die Töne schief. Damit sind sie nicht allein. Beispielhaft war genau dies auch bei der Staatsphilharmonie Nürnberg beim dortigen Ring über alle Abende hinweg festzustellen. Ansonsten hat der Generalmusikdirektor Justin Brown seine Kapelle gut im Griff und gestaltete musikalisch durchwegs spannende 2 ½ Stunden. Leider wurden nur vier Harfen im Proszenium eingesetzt (*Insider*).

Sängerisch aber auch szenisch fühlten sich das Ensemble und die Gastsänger sichtlich wohl mit der Inszenierung. Alle rundum sehr spielfreudig. Was aber auch an der guten Personenregie lag. Nur Katharine Tier als Fricka war teilweise in den oberen Registern etwas schrill. Avtandil Kaspeli als Fafner wirkte steif, wenig natürlich und auch die Wagner’sche Aussprache klang etwas hölzern. Nathan Berg gab eine guten Rheingold-Wotan ab. Auch Matthias Wohlbrecht (Loge), Jaco Venter (Alberich) und KS Klaus Schneider (Mime) gaben ein sehr stimmiges Geschwister- und Vettern-Trio ab.

Warum jemand den stummen Siegmund-/Siegfried-Darsteller Witalij Kühne so leidenschaftlich ausgebuht hat, wird mir ein Rätsel bleiben. Damit wollte der Einsame wohl seinen Unmut über die Regieleistung Luft machen. Angebracht war es in keinem Fall.

Insgesamt ein höchst erfreulicher Abend. Die intelligente und durchwegs konsequente Regieleistung über die ganzen Strecke von 2 ½ Stunden überzeugte. Schon allein dadurch, dass sich neue Verbindungen und Aspekte innerhalb des Ring-Kosmos aufgetan haben, die – zumindest mir – noch nicht bewusst geworden sind.

Ministerpräsident Kretschmann nimmt das Buch zum
Ministerpräsident Kretschmann nimmt das Buch zum „Ring der Vielfalt“ entgegen.

Erwähnenswert sei an dieser auch noch das Buch zum „Ring der Vielfalt“. Ein wahres Schmuckstück, welches mit viel Bild- und Textmaterial das Entstehen des Rings und der vier verschiedenen Regiekonzepte dokumentiert. Auch die Garnierung des gesamten Projekts am Badischen Staatstheater in Karlsruhe mit der Auftragskomposition „Haus Wahnfried“ sowie der Operette „Die lustigen Nibelungen“ haben dort Eingang gefunden. Für 19,- Euro auch ein echtes Schnäppchen und auch ein schönes Erinnerungsstück.

Bilder: Falk von Traubenburg

¹In seiner Schrift Die Wibelungen (1848) hat Wagner den Gral in Beziehung zum Niblungenhort gesetzt. In dem Kapitel „Aufgehen des idealen Inhalts des Hortes in den »heiligen Gral«“ schreibt er: „Das Streben nach dem Grale vertritt nun das Ringen nach dem Nibelungenhorte“ (GS II, 150 f.), der, auf seinen „realen Inhalt“ reduziert, zum „tatsächlichen Besitz“, zum „Eigentum“, zum Kapital werde. „Mochte in der ältesten religiösen Vorstellung der Hort als die durch Tageslicht allen erschlossene Herrlichkeit der Erde erscheinen“ – so preisen ihn ja auch Wagners Rheintöchter im Rheingold – „so sehen wir ihn später in verdichteter Gestaltung als die machtgebende Beute des Helden“ (GS II, 153). Indem das Rheingold, in dem idealer und realer Inhalt noch nicht geschieden sind, zum Ring, zu „machtgebenden Besitz“ (GS II, 153) verdinglicht wird, geht der ideale Inhalt des Golds an das Anit-Kapital des Grals über. [Borchmeyer, Dieter, Richard Wagner Werk-Leben-Zeit, Reclam, 2013, S. 333 f.]

Link: Richard Wagner, Die Wibelungen. Weltgeschichte aus der Sage.

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